Eine Weihnachtsgeschichte die du nicht lesen möchtest

Amelia sitzt an der Straße.
In einer kleinen Ecke zwischen zwei Wellblechhütten hat sie sich niedergelassen, um wenigstens ein bisschen Schatten zu bekommen. Obwohl es im Dezember hier in Dakha, der Hauptstadt von Bangladesch, verhältnismäßig kalt ist, „nur 28°C“, hat sie gerade genug von der Sonne. Schon seit 2 Tagen hat sie nicht mehr gearbeitet, sitzt nur noch herum, weil sie mittlerweile verlernt hat etwas anderes zu tun. Etwas anderes außer nähen.

Nun ist aber die Fabrik in der sie arbeitet gesperrt – Einsturzgefahr. Kein Wunder denkt sie sich. Die Risse in den Wänden hat sie schon in ihrer ersten Woche dort entdeckt, aber wann genau das war, das weiß sie nicht mehr.
Irgendwann als sie ungefähr 5 Jahre alt war hat ihre Mutter sie das erste mal mitgenommen. Seitdem gibt es für sie nichts anderes mehr. Nähen, jeden Tag nähen. Wieviele Stunden am Tag? Auch das weiß sie nicht so genau, schließlich ist es ja dunkel wenn sie in die Fabrik hineingeht und auch wenn sie wieder herauskommt. Aber so realisiert sie es wenigstens selber nicht mehr.

Amelia ist jetzt 13 Jahre alt. Früher hat ihr die Arbeit noch mehr Spaß gemacht, aber jetzt wo ihre Mutter nicht mehr da ist, hat sie dort keine Gesprächspartner mehr. Die einzige die spricht ist Barsha, ihre Chefin, und das auch nur, wenn sie ihr mal wieder lauthals an den Kopf brüllen will, wie schlecht ihre Nähstücke doch seien.

BRRRRRR. Plötzlich klingelt Amelias kleines Aufklapphandy. Eigentlich ist das das Haustelefon ihrer Familie, oder dem was von ihr noch übrig ist, aber heute hat Amelia sich das Handy eingesteckt, warum, das weiß sie selbst nicht genau – wie so vieles.
Misstrauisch drückt sie den verstaubten kleinen Knopf, um den Anruf anzunehmen.

Strauch zu sich heranziehen, Baumwolle abpflücken, in die Tasche stecken, wieder heranziehen, abpflücken, in die Tasche stecken.
Schon seit 3 Stunden ist Adama bei der Arbeit. Mittlerweile ist es 8 Uhr morgens, jetzt ist es wenigstens noch nicht so warm, wie zur Mittagszeit. Irgendwo in Burkina Faso auf einer Baumwollplantage, das ist sein Arbeitsplatz. Immerhin etwas denkt er sich. Denn er kennt in seinem Heimatdorf genug Leute, die nichts haben. Keine Arbeit – nichts zu essen. Das ist die Faustregel nach der das Leben hier abläuft.

Er und seine Kollegen haben heute schon viel geschafft. Die Route die sie heute abgelaufen sind, ist schon fast zu Ende, sie nähern sich wieder dem Lager, von dem sie heute morgen auf ihre Tour gestartet sind. Adama weiß, dass seine Arbeit nicht ohne ist. Viele seiner Kumpels, die ihm von der Arbeit hier erzählt haben, sind mittlerweile sehr krank. Der Einsatz der Pestizide auf den Plantagen, um die kostbare Baumwolle vor Ungeziefer zu wahren, schadet nicht nur den Schädlingen. Auch viele Arbeiter hier leiden gesundheitlich sehr darunter.

Aber Adama weiß auch, er hat keine Wahl, irgendwo muss er sein Geld ja herbekommen.
Er schaut hinüber zum Lager, dort wo der Chef steht und normalerweise alles beobachtet. Doch heute findet er ihn nicht. „Wo ist er denn verdammt?“ denkt er sich. Nirgends eine Spur.

„Ey Adama, nicht träumen, weiter machen!“ mault ihn ein Kollege an. Wie aus einem Traum gerissen schreckt er kurz auf. Klar – er ist hier zum arbeiten, nicht zum Ausschau halten. Also macht er sich wieder dran: Strauch heran, Baumwolle ab, und nichts wie in die Tasche stecken. Noch einmal schaut er Richtung Lager und ZACK, da ist der Chef doch, aber er steht dort mit einem Mann, den Adama hier vorher noch nie gesehen hat. Die beiden unterhalten sich angeregt, aber wer der Mann ist? Keine Ahnung.

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